Arki's Blog – Wer alles glaubt, muss nichts wissen.

1. August 2008

Jonathan

Filed under: Film,Kunst,Wirres Zeug — mrarkadin @ 01:24
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Bram Stokers Roman Dracula hat viele Filme beeinflusst, bzw. inspiriert. (Und auch die Verfilmungen selber haben spätere Filme wiederum beeinflusst (wie z.B. Nodferatu))
Wie den Stummfilmklassiker Nosferatu von F.W.Murnau, die Universal-Klassiker aus den 30er/40er Jahren, auch war die hauseigene Dracula-Reihe eines der Herzstücke der Hammer-Studios, oder auch Roman Polanski hat in Tanz der Vampire den Vampire-Mythos aufbereitet, aber auch einen ungewöhnlichen Beitrag wie Jonathan von Hans W. Geißendörfer.

Nosferatu gilt als der erste Vampir-Film, und erste Film-Adaption des Dracula-Romans, aber auch zurecht als einer der ganz großen Klassiker der Filmgeschichte. Zwar mag er zur damaligen Zeit sicher auf die Zuschauer erschreckender gewirkt haben, und aus heutiger Sicht fand ich doch manches seltsam oder sogar unfreiwillig komisch, aber auch nach ca. 87 Jahren ist nichts von der düsteren & dichten Atmosphäre verloren gegangen, und er ist immer noch faszinierend. Auch ist es für einem Zuschauer der heutigen Zeit interessant zu sehen, wie damals die Erzählfluss, ohne gesprochene Worte, sondern nur mit Musikuntermalung und die wichtigsten Dialoge/Monologe als Texttaflen dargestellt, funktionierte, denn dies ist bis dato der erste & auch einzige Stummfilm, den ich gesehen habe.
Dieser wäre Film beinahe ja auch aus der Filmgeschichte verschwunden, denn Murnau & Produzenten hatten sich bekanntlich nicht die Filmrechte für das Buch gesichert, so dass Stokers’s Witwe den Film vernichtet wissen wollte – was auch beinahe gelungen wäre, wären zum Zeitpunkt des Urteils nicht schon Kopien ins Ausland gelangt…

Dracula war auch einer der Universal-Monster, den Hammer nochmals recycelt hatte, wie u.a auch Frankenstein oder Die Mumie, welche es dann auch zu ganzen Film-Reihen geschafft haben.
(Mit Der Fluch von Siniestro (The Curse of the Werewolf) hatte man auch das Werewolf-Thema wieder aufgearbeitet, wobei es hier bei dem einen Film blieb, wegen geringen Erfolg (Dies dürfte aber auch gerade an den heftigen Kürzungen durch die britische Zensurbehörde BBFC liegen – erst 1994 wurde der Film in seiner ungekürzten Form neu restauriert… Obwohl Der Fluch von Siniestro eine gut gelungene Mischung aus Drama & Horror darstellt.))
Der 2. Film des Dracula-Zyklus Dracula und seine Bräute (The Brides of Dracula) hat aber erstaunlich nichts mit Dracula zu tun, außer dem Titel, und den Off-Kommentar am Anfang des Films: Dracula sei vernichtet worden (was ja dann doch nicht so richtig gestimmt hat, wie es sich in den folgenden Filmen der Dracula-Reihe herausstellte ;)), und seine Nachfolger kämpfen um seine Nachfolgeschaft.
Der Vampir, um dem es in diesem Teil geht, ist dann auch Baron Meinster. Vom nicht vorhandenen Dracula sollte man sich dabei auch nicht abschrecken lassen, denn die Geschichte eines anscheinend harmlosen jungen Mannes, welcher im seinen eigenen Schloss von seiner Mutter gefangen gehalten, und von einer jungen Lehrerin mit guten Absichten befreit wird, dieser sich schließlich als ein blutrünstiger Vampir herausstellt, ist sehr atmosphärisch & stimmig in Szene gesetzt. Auch Peter Cushing darf wieder als Van Helsing brillieren, und auch Baron Meinster ist eine sehr interessante Figur, und wird super dargestellt. Ein super Film, auch ohne Dracula!
Ein sehr ungewöhnlicher sowie interessanter Teil der ganzen Reihe war dann auch Dracula A.D. 1972 (mit dem dämlichen deutsche Titel „Dracula jagt Mini-Mädchen“). Dieser spielt ausnahmsweise in der Jetzt-Zeit, womit einem eine ungewöhnliche, aber gut funktionierende, Mischung aus Gothic-Horror & das Vampir-Thema, in die Hippie-Zeit verpflanzt, und Humor geboten wird. Peter Cushing ist natürlich auch wieder dabei, als ein Nachfahre des Doctor Van Helsings, der, die Vampir-Forschung bisher nur in der Theorie weitergeführt, plötzlich in echt gegen den wieder auferstandenen Dracula (und Johnny Alucard) antreten muss, um seine Nichte zu retten..

Und auch Geißendörfer (auch der geistige Vater des Oma-Dauerbrenners Lindenstrasse ;)) hat sich denn auch von der Figur Dracula für seinen 1970 gedrehten Film Jonathan inspirieren lassen.
Hatte aber auch politischen Absichten, wie man auch in einem 32 minütigen aus dem Jahre 2005 mit hören kann – welcher sich auch auf der neuen arthaus-DVD befindet.
Gemeint ist eine – wie er selber sagt, sehr simple (wie wahr ;)) – Allegorie, die Vampire sind die blutsaugenden Kapitalisten, und die Aufständigen die Studentenbewegung.
In einem abgelegenen Schloss werden Menschen von einem Ober-Vampir und seiner Gefolgschaft gefangen gehalten – um ihnen das Blut auszusaugen.
Ein älterer Professor und Studenten wollen dies nicht weiter hinnehmen, und revoltieren. Der junge Jonathan wird ausgesandt, um das Schloss als Spion auszukundschaften, für einen Angriff – doch wird er bereits erwartet…
Zuerst freundlich aufgenommen, doch dann gefangen genommen & gefoltert, sind die Retter schon unterwegs, um die Vampire in das ihnen vernichtende Meerwasser zu jagen…
So simpel wie die Symbolik zur politischen Aussage ist dann auch die Geschichte, doch vor allem die Inszenierung, die Bildersprache und Bilderkompositionen machen den Film sehenswert.
Wie Geißendörfer selber sagt, wurden bewusst lange Einstellungen benutzt, und dem heutigen Zuschauer – schnell geschnittene Actionfilme gewöhnt – viel Geduld erfordert. Langatmig inszeniert ist der Film wirklich, ich fand ihn aber keinesfalls langweilig.
Schon alleine der Anfang, in der eine ältere Dame vor einer verschlossenen Tür steht, und nach einem „Thomas“ ruft, ein paar Junge Männer aufsucht – währenddessen der Vorspann läuft – die dann die Tür aufbrechen, und man in einer riesig-langen ausgedehnten Kamerafahrt sieht, wie sie die große Wohnung durch-inspizieren, schließlich den gewissen Thomas vorfinden- mit einer Frau, sich gegenseitig anstarrend – welcher sodann plötzlich aus dem Fenster springt, fand ich toll.
Ein poetischer Bilderrausch ist diese Mischung aus Horrorfilm & politische Intention wirklich fast schon, es gibt viele, mal verträumte, mal erschreckende – auch blutige, aber niemals plakativ in Szene gesetzte, Bilder & Einstellungen, die Geschichte ist schon eher Nebensache. Über die Gestaltung mit den Farben sagt Geißendörfer auch noch ein paar Worte – Weiß steht für die Unschuld, Rot für Liebe & Gier, und Schwarz für den Tod.
Das alles macht es schon sehr deutlich, das hier in den Bildern mehr ausgesagt – und mehr Wert gelegt wird, als in den Worten.
Wie Geißendörfer zum Film, und zu Jonathan, gekommen ist, resümiert er auch im Interview, und in diesem Zusammenhang ist mein ganzes Geschwafel über Nosferatu und den Hammer-Klassikern zumindest nicht ganz so unpassend… ;) hatte er doch von Wim Wenders den Vorschlag bekommen, im Kino einige Horror-Filme zu schauen, darunter auch Nosferatu, oder die Hammer-Klassiker wie Draculas Rückkehr oder Wie schmeckt das Blut von Dracula.
Ein schöner Nebeneffekt der DVD ist auch, das dadurch oftmals auch ältere Film wieder greifbar werden (oder auch teilweise endlich in der ungekürzten Fassung zu sehen sind), denn eine VHS-Veröffentlichung hatte Jonathan nie erfahren. Womit arthaus nicht nur mal wieder eine kleine Perle ausgebuddelt hat, sondern auch eine Rarität.

Einen gewissen Kultstatus hat Jonathan schon – in gewissem Maße sicher auch wegen den Seltenheitswert – und trotz einiger Schwächen, wie der doch recht dünne Inhalt & die sehr simple Ausgangsidee, dafür aber toll gefilmt, hat mir persönlich Jonathan doch gut gefallen, weswegen ich diesen auch hier nochmal vorstellen wollte, mehr oder weniger geglückt, mit meinen ganzen Ausschweifungen zu den anderen Werken (soll aber auch keine wissenschaftliche Abarbeitung darstellen, denn ich habe diese Filme nur gesehen, und mir kam in den Sinn, diese hier mit einbeziehen zu lassen!).

Links
Hans W. Geißendörfer
Jonathan auf arthaus.de
Jonathan auf ofdb.de
Rezension auf kino-zeit.de

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