Arki's Blog – Wer alles glaubt, muss nichts wissen.

3. September 2008

Einmal wirklich leben

Filed under: Film,Kunst,Wirres Zeug — mrarkadin @ 00:04
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Welche Bedeutung hat das einzelne Leben? Wie viel kann ein einzelner Mensch im System erreichen? Diese Fragen mögen einem bei Akira Kurosawa’s Ikiru – Einmal wirklich leben durch den Kopf gehen.

Lange Zeit waren hierzulande von Kurosawa nur seine 2 Spätwerke Kagemusha – Der Schatten des Kriegers (wurde hierzulande zwar nach der Erstveröffentlichung nochmals innerhalb der Cinema-Premium-Reihe veröffentlicht, aber beide Male leider nur die kürzere internationale Kinofassung…) und RAN auf DVD zu haben, kam dann auch Rashomon und eine Kurosawa-Reihe vom Mini-Label „Pegasus“ hinzu, nachdem die Filme New KSM schon vor einiger Zeit nochmals in etwas besserer Qualität veröffentlicht hat, habe ich dann auch Chance genutzt, um diese mir zuzulegen, und schonmal ein Teil gesehen…

Ikiru – Einmal wirklich leben beginnt mit einem harten Schlag für Kanji Watanabe, er erfährt, das er an Magenkrebs erkrankt ist, und höchstens nur noch 6 Monate zu leben hat. Nach dem frühen Tod seiner Frau hat er sich nur noch in seine Arbeit geflüchtet, seine Liebe zu seinem Sohn verloren, und das Leben. Denn in Wahrheit ist er schon vor langer Zeit gestorben, nach dem Tod seiner Frau ist er nur noch eine leblose Hülle geworden, der außer seine (nichts bedeutende) Büroarbeit kein eigenes Leben mehr hat. Nach dem Fall in einer tiefen Depression nimmt er sich vor, in den letzten Monaten seines Lebens noch einmal richtig Spaß zu haben. Und endlich anfangen, zu leben. Er ist von einer ehemaligen Arbeitskollegin verblüfft, wie viel Lebensfreude & -mut sie hat, und verliebt sich quasi in sie, und möchte bei ihr sein, denn in ihrer Nähe merkt er, das ein Herz in seiner Brust schlägt.
In seiner letzten Lebenszeit möchte Watanabe noch etwas erreichen. Denn, so merkt er, hat er sein Leben lang nur einer nutzlosen Büroarbeit hingegeben, und war nur ein bedeutungsloses und kleines Rad in der Bürokratie, ohne ein Ziel, und ohne auch nur die kleinste Auswirkung. Er war Leiter der Beschwerdestelle, hat nur Zettel abgestempelt, welche auf einen großen Stapel verstauben.
Watanabe erinnert sich an einen abgelehnten Antrag auf einen Kinderspielplatz von einigen Müttern, sieht in der Möglichkeit, diesen doch noch möglich zu machen, seinen Leben endlich doch noch einen Sinn zu geben, und stürzt sich mit seiner letzten Lebenskraft in seiner Aufgabe.
Und an dieser Stelle endet auch schon sein Leben im Film, im nächsten Augenblick resümieren seine Ex-Kollegen bei seiner Beerdigung über sein Leben, und über die Größe seiner Bedeutung, diesen Kinderspielplatz möglich gemacht zu haben. Der Spielplatz war Watanabes ganzer Lebensinhalt gewesen, und in den Augen der Mütter hat er diesen schon regelrecht mit den eigenen Händen erbaut. Aber, so befinden sie, einer alleine kann dies alles nicht erreichen, es braucht viele Stellen, die ihre Erlaubnis geben müssen, und die Arbeiter, welche den Spielplatz errichtet haben, also würde es ohne ihnen allen nicht möglich gewesen.
Somit rückt Kurosawa Watanabes letzte Tat filmisch geschickt in die Bedeutungslosigkeit, sobald er seinen Entschluss gefasst hat, den Spielplatz möglich zu machen, ist seine Rolle vorbei, und es wird in der letzten halben Stunde des Films nur noch über sein Leben resümiert. Sie kommen dann auch am Ende zu den Entschluss, das Watanabes Tat nicht umsonst gewesen sein soll, und sie selber nicht mehr nur tatenlos abstempeln, sondern selber was erreichen wollen, in der nächsten Szene will sich dann auch einer von ihnen auflehnen, als sie wieder nur stur die Aktenberge abarbeiten, er von seinen Kollegen dabei nur angestarrt wird, und er sich sodann wieder still hinsetzt…
Auf der Verpackung ist zwar von Kurosawas „wohl ruhigstem Film seiner Karriere“ die Rede, aber in Erinnerung an Nachtasyl bin ich mir da nicht so sicher. Eine Verfilmung von Gorkijs Theaterstück, in Punkto Pessimismus & Depression – oder Realismus, Ikiru & Bilanz eines Lebens noch übertreffend. In einem Schuppen vegetieren mehrere Menschen im Elend dahin, bis eines Tages ein wundersamer alter Kerl vorbei kommt, und ihnen Hoffnung auf ein besseres Leben gibt, aber falsche Hoffnungen. Er erzählt allen nur Lügen, und was sie hören wollen. Denn Hoffnung existiert nur noch als Lüge, ist nur noch ein Trugbild.
Die Menschen verachten sich gegenseitig, es gibt keine Liebe oder Einfühlsamkeit mehr. Die Frau des Vermieters will einem Dieb unter den Bewohnern überreden, ihren Mann umzubringen, und ihn ausnutzen.
In Bilanz eines Lebens lebt Kiichi Nakajima in ständiger Angst vor der Atombombe. Er glaubt, nur in Brasilien sei es sicher, und fasst den Entschluss, mitsamt seiner Familie und seinen Freunden dorthin auswandern. Seine Familie, welche in Japan bleiben, und ihn entmündigen lassen möchte, ist dabei nur auf sein Geld aus. Während er immer mehr in seiner Angst zerfällt, ohne geholfen zu werden, mit seinen Auswanderungsplänen eigentlich nur das Beste auch für seine Familie/Freunde will, dabei in seiner Sturheit aber nicht merkt, das nicht alle mit wollen, streiten sich die Familienmitglieder nur um seine Rente.
Kurosawa drehte diesen Film 10 Jahre nach Hiroshima & Nagasaki, und war mit seiner Meinung, das nicht derjenige verrückt ist, der große Angst verspürt, sondern diejenigen, die blind sind, ihre Angst verdrängen und großes auf ihren Mut halten.
Es geht um Angst, die Kiichi hat, wie jeder anderer, diese aber viel intensiver spürt.
Diese 3 Sozialdramen sind doch schwerer als auch Kurosawas intelligenter Samurai-Film Yojimbo, welcher zur Unterhaltung auch spannende Actionszenen bietet, und mehr Ironie (in der zweiten Hälfte aber auch immer düsterer wird).
Sergio Leones in in den Western verlagertes Yojimbo-Remake Für eine Handvoll Dollar ist dagegen doch eher ein Action-Film (aber sehr gut gemachter, auch wenn Leone seinen typischen Stil erst in seinem folgenden Film entwickelte), da hat das Original doch mehr Tiefgang. Sergio Leones Film dürfte wohl mehreren bekannt sein, und denen empfehle ich auch das Anschauen von Kurosawas Original, wer dieses noch nicht kennt.
Auch bieten diese Dramen kein Happy-Ending, wie z.B. der im Westen populärere Rashomon. Die Welt ist bitter und auch am Ende nicht wieder in Ordnung, zumindest hat Nakajima am Ende sein eigenes Happy-Ending, als, er sich im Irrenhaus befindend, endlich vor seinem Augen die Welt explodiert, und er seine lang ersehnte Ruhe findet…

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